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Ausgabe 03/2017

Der Brexit und seine Folgen für Vermittler

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Anlage
14.08.2017

IM GESPRÄCH: Martin Lück

Und die Bewertung der Aktien?

Selbst wenn wir uns darauf einigen, dass Aktienbewertungen heute nicht mehr billig sind, ist die Rückschlaggefahr insgesamt eine viel kleinere als damals. Wir reden also nicht davon, dass ganze Portfolien, ganze Bilanzen implodieren könnten mit einem gigantischen Refinanzierungsbedarf seitens der öffentlichen Hände, wie wir es nach 2008 hatten. Natürlich trägt die Zentralbankpolitik zu weiter steigenden Aktienkursen bei und zu weiter steigenden Immobilienwerten. Die Kursgewinnverhältnisse heute sind aber kein fairer Maßstab im Vergleich zu den Zeiten vor der Niedrigzinspolitik. Ob das alles gut ist, muss man nicht unbedingt bejahen. Die Frage ist, was wäre die Alternative zu dieser Politik? Es wäre wahrscheinlich eine weltweite Rezession dramatischsten Ausmaßes gewesen, von der wir uns bis heute nicht erholt hätten. Ich glaube, wir haben uns letztlich für die bessere Variante entschieden. Dieser Versuch läuft, und wir wissen bis heute nicht, was dabei herauskommt.

Welche Auswirkungen wird die jüngste Zinserhöhung der US-Notenbank Fed ihrer Ansicht nach auf die US-Wirtschaft und den US-Dollar haben?

Bisher keine erkennbaren. Es ist eine angekündigte und fundamental gerechtfertigte Normalisierung, und so wird sie auch wahrgenommen. Die Zinskosten bei stark auf Fremdfinanzierung basierenden Geschäftsmodellen werden indes leicht steigen, etwa bei Immobilien. Das dürfte die Entwicklung in diesem Bereich etwas abbremsen – was vielleicht sogar wünschenswert wäre. Ähnliches gilt für die Währung. Der Dollar-Euro-Kurs etwa hatte die Anhebungen bereits eingepreist und bewegt sich weiterhin in einem engen Band. Wenn der Kurs der Zentralbank so bleibt und die Schritte fundamental gerechtfertigt sind, sehe ich auch für weitere Schritte keine scharfe Marktreaktion.

Und die Anleger können dann auch wieder Anleihen kaufen …

Es wird ein stückweit dazu führen, dass sie wieder verhältnismäßig attraktiv sind. Und Investoren werden auch wieder mehr Produkte kaufen können. Derzeit haben viele Schwierigkeiten, für sie passende Anleihen zu finden. Das bedeutet, der Appetit auf die Anleihen wird dann entsprechend groß sein – und mit einer starken Nachfrage kann ein Zinsanstieg auch nicht so hoch werden, als dass er zu starken Reaktionen an den Märkten führen würde.

Die Spannungen am Persischen Golf verschärfen sich derzeit. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf den Ölpreis und in der Folge für die Weltwirtschaft?

Ich vermute eher geringe Auswirkungen. Denn ich glaube nicht, dass die Situation eskaliert bis zu einem Punkt, an dem die saudische Ölproduktion dramatisch beeinträchtigt wird. Saudi Arabien ist der größte Ölproduzent der Welt. Derzeit ist der Ölpreis wegen der gut laufenden Weltwirtschaft und der weiterhin wachsenden Frackingindustrie in den USA auch gut gestützt. Falls es aber zum Beispiel zu einem Krieg kommt in der Golfregion, wäre es natürlich eine völlig andere Situation, rein hypothetisch gedacht. Eine solche Entwicklung sehe ich derzeit nicht.

Osteuropa ist als Anlageregion für viele nach wie vor eine große Unbekannte. Ungarn galt vor einigen Jahren als Hoffnungsträger, scheint nun aber vom Investmentradar verschwunden. Polen erscheint noch als ein Land mit etwas Aufmerksamkeit. Wie wollen Sie Beratern von Privatanlegern diese Region schmackhaft machen?

Hier besteht noch Aufholpotenzial. Mit Tschechien sind wir bei den größten drei Volkswirtschaften in der Region, die sämtlich solide Wachstumsraten aufweisen. Dennoch besteht noch eine große Lücke beim Pro-Kopf-Einkommen zu Westeuropa, die geschlossen werden muss. Für europäische Unternehmen bieten diese Länder daher attraktive Anlageziele, zum Beispiel auch, wenn in Westeuropa die Löhne und damit die Kosten wieder stärker steigen sollten.

Wer in osteuropäische Unternehmen investiert, kann zwar womöglich höhere Renditen erwirtschaften, hat aber auch ein deutlich höheres Risiko.

Ja, das ist sicherlich so. Natürlich muss man festhalten, dass gerade kleinere Märkte oft eine höhere Volatilität haben und sich im Vergleich zu den etablierteren Märkten meist nur dann besser entwickeln, wenn die Marktstimmung allgemein gut ist. In dem Moment, in dem mehr Geschäft in diese Märkte kommt, wächst dort auch das Einkommen, wovon wiederum die Unternehmen dort profitieren. Die Kette ist nach wie vor intakt, wird derzeit aber von der politischen Seite stark überlagert.

Zum Beispiel?

Es sind vor allem die stark auf Konfrontation setzenden Regierungen, die wir momentan sehen, allen voran in Ungarn, aber auch in Polen und mit Abstrichen in Tschechien. So etwas beeinflusst das Investitionsklima und die Investitionsbereitschaft sicherlich negativ. Gerade hier im Westen, wo viele nur einen begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit in der Region Osteuropa wahrnehmen.

Elf Staaten Osteuropas gehören der Europäischen Union an. In der Wahrnehmung scheint dies, wenn überhaupt, vor allem im Zusammenhang mit der EU-Flüchtlingspolitik und mit der Furcht vor einem weiteren Zustrom von Bürgern aus Rumänien oder Bulgarien stattzufinden …

Der Eindruck einer harten Haltung in Teilen Osteuropas gegenüber der EU in Finanzierungsfragen, in Fragen der Souveränität und der Subsidiarität, aber auch bei der Flüchtlingspolitik, sind sicherlich Faktoren, die westeuropäische Anleger und deren Berater negativ beeinflussen. Das ist überhaupt keine Frage. Man kann sicher auch gute Argumente finden für die Haltung der polnischen oder der ungarischen Regierung bei der Flüchtlingsfrage. Man muss jedoch zu einer Einigung kommen – und die EU ist gut beraten, die drei großen Länder zu warnen, dass es ihre Unterstützung aus dem EU-Budget betreffen wird, wenn sie nicht ihren Teil zur Aufnahmen von Flüchtlingen leisten. Man darf zudem nicht vergessen, dass ein großer Teil des Wirtschaftswachstums in der Region auf dem EU-Budget gründet.

Russland ist seit jeher ein besonderer Fall. Wie ordnen Sie das Land mit all seinen politischen und rechtlichen Unterschieden zu vielen westlichen Staaten als Anlageziel ein? Was natürlich nicht heißen soll, dass hierzulande alles wunderbar wäre … 

Letzteres ist sicherlich richtig. Wir müssen aber klar unterscheiden, ob wir in den westlichen Industrieländern eine Bedrohung haben durch eine sehr starke Vereinfachung von Politik – Stichwort Populismus und entsprechende politische Bewegungen – oder ein System haben, das im Grunde noch nie für längere Zeit mit der Demokratie leben konnte. Und Demokratie und Marktwirtschaft gehen in unserem Verständnis Hand in Hand. Nach Perestroika und Glasnost in den späten 1980er, frühen 1990er Jahren hat Russland eine Entwicklung erlebt, die jetzt wieder von einer Plutokratie, einer Reichtumsherrschaft, geprägt ist – oder von einer Autokratie, wenn Sie es auf die Person des Präsidenten reduzieren möchten. Dies alles überlagert ganz klar die Investitionsbereitschaft westlicher Unternehmen. Hinzu kommt, dass das Land stark vom Öl- und Gasexport abhängt.

Wenn Sie Finanzberater fragen, was sie mit Osteuropa verbinden, was hören Sie am häufigsten, was hören sie am wenigsten?

Es kommt häufig vor, dass dies eine Region sei, die tendenziell stärker wachse als die westlichen Staaten, aber auch mit höheren Unsicherheiten verbunden sei. Wobei natürlich auch klar ist, dass hier nicht alles Gold ist, was glänzt! Schauen Sie zum Beispiel auch nach Südeuropa. Unter den Beratern findet daher vor allem die Abwägung statt, wie verhältnismäßig vorteilhaft ein Investment in Osteuropa sein kann.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Erfahrung Deutschland und Österreich in der Wahrnehmung der Leute?

Österreich war bis vor wenigen Jahren stark wahrgenommen als Einfallstor Westeuropas in die osteuropäische Region, vor allem wegen der Verbindung des österreichischen Bankensystems mit Osteuropa und historisch aus Zeiten der K.u.K.-Monarchie. Das hat in der letzten Zeit aber deutlich abgenommen. Auch die Wahrnehmung: ‚Wenn es Osteuropa gut geht, geht es auch Österreich gut‘, gibt es so nicht mehr. Deutschland spielt als Heimatmarkt natürlich eine große Rolle.

Das Gespräch führten Heike Gorres und Detlef Glow, Leiter des Researchs im Bereich Europa, Naher Osten und Afrika (Emea) bei Thomson Reuters Lipper

(Bild: Blackrock)

portfolio international 14.08.2017

 
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