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21.10.2016

Betriebliche Altersversorgung: Vorsorge mit Potenzial

Im Bild zu sehen von links nach rechts: Rudolf Enßlen, Dr. Stefanie Alt, Fabian von Löbbecke, Uwe Buchem, Hans Pfeifer
15 Jahre nach der letzten Reform des Betriebsrentengesetzes ist die Luft raus aus der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Der bevorstehende Neustart ist dringend notwendig, denn bei der bAV handelt es sich um die attraktivste Form der Altersvorsorge, deren Potenziale noch zu großen Teile gehoben werden müssen.

Es diskutieren: Rudolf Enßlen, Makler; Dr. Stefanie Alt, Leiterin Produkt- und Marktmanagement Leben der Nürnberger Versicherung; Fabian von Löbbecke, Vorsitzender des Vorstands der Talanx Pensionsmanagement AGI; Uwe Buchem, Mercer Deutschland GmbH, Head of Retirement Central Europe und Partner

Moderation: Hans Pfeifer, Ressortleiter Vorsorge und Versicherung portfolio international

IM FOKUS: Fast 15 Jahre nach der letzten Reform des Betriebsrentengesetzes stagniert die betriebliche Altersversorgung (bAV). Unstrittig ist unter allen Beteiligten, dass bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) die Durchdringung am geringsten ist. Strittig ist, woran es liegt. Da reichen die Meinungen von: „Arbeitnehmer haben kein Geld“ über „Arbeitgeber stören sich an der Haftung“ bis hin zu „Die ganze Sache ist zu bürokratisch“. Worin besteht aus Ihrer Sicht das Kernproblem bei der bAV?

Dr. Alt: Im Grunde haben Sie die Ursachen schon genannt. Für die Arbeitnehmer ist zunächst die Finanzierbarkeit ein zentrales Kriterium. Darüber hinaus werden die durchaus komplexen Rahmenbedingungen der bAV häufig nicht richtig verstanden und damit die Vorteile der bAV im Vergleich zu anderen Vorsorgeformen verkannt. Viele Arbeitnehmer bewegt die Frage, ob die bAV im Rentenalter auf die Grundsicherung angerechnet wird und ob ein Engagement unter diesem Blickwinkel überhaupt lohnt. Für die Arbeitgeber stellt sich vor allem die Frage, ob sie die bAV mit einem vertretbaren Aufwand verwalten können. Vor dem Hintergrund der Gutachten, die durch die Bundesregierung eingeholt wurden, stellt sich so mancher Arbeitgeber auch die Frage, wie die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen für die bAV aussehen werden.

von Löbbecke: Wir haben in der Vermittlung auch das Problem der Komplexität der bAV sowie der mangelnden Information. Viele Menschen wissen gar nicht, was sie mit der betrieblichen Altersversorgung konkret gewinnen können, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie haben. Und wir haben ein regulatives Thema, weil die Betriebsrente zum einen auf die Grundsicherung angerechnet wird und zum anderen der vollen Beitragspflicht in der Kranken- und Pflegeversicherung unterliegt.
Das spricht sich herum in den Belegschaften und verhindert, dass die Verbreitung der bAV in dem Maße erfolgt, wie es angemessen wäre.

IM FOKUS: Was ist der Hauptgrund für die Informationsdefizite?

von Löbbecke: Ob es einen Hauptgrund gibt, weiß ich nicht. Der Rechtsanspruch auf Entgeltumwandlung steht schon seit 2002 im Gesetz. Ich wette, dass immer noch ganz viele Menschen das nicht wissen, geschweige denn, dass sie wissen, wie man ihn beim Arbeitgeber einfordern kann. Ich glaube auch, dass viele Arbeitgeber nicht genau wissen, was betriebliche Altersversorgung im Detail eigentlich darstellt, wie einfach es sein kann, wie komplex es aber auch manchmal sein kann. Ich glaube, dass da auf beiden Seiten viel Unsicherheit herrscht. Es ist unsere Aufgabe, hier zu vermitteln und die Vermittler zu unterstützen.

Buchem: Wenn wir über die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sprechen, dann reden wir ja über 99,5 Prozent der Unternehmen in Deutschland. Es gibt nur knapp 12,5 Tausend Unternehmen, die mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigen und 3,6 Millionen, die weniger beschäftigen. Allerdings entfallen nahezu 50 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf die Großunternehmen. In rund 3,3 Millionen Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern haben von rund vier Millionen Beschäftigen nur 30 Prozent einen Betriebsrentenanspruch, bleiben also knapp 2,8 Millionen, die keinen haben. Es ist offensichtlich, dass bei zwei bis drei Mitarbeitern im Unternehmen oftmals der Aufwand für die Implementierung der bAV einfach zu hoch ist. Darüber hinaus stimme ich der Aussage zu, dass in KMU das Informationsdefizit das Hauptproblem darstellt. Natürlich spielen auch die Kostensituation sowie eine erhöhte Fluktuation, insbesondere in vielen Dienstleistungsbereichen, eine Rolle. Aber ich denke, es ist auch zu einfach, wenn wir immer nur auf die kleinen Unternehmen schauen. In vielen großen Unternehmen wurden Versorgungssysteme für neue Mitarbeiter geschlossen. Davon ist durchaus eine große Anzahl von Mitarbeitern betroffen. Da sind die Gründe nur andere: Kosten, Planbarkeit der Kosten et cetera. Alles zusammen führt dazu, dass momentan 50 Prozent der Beschäftigten in der privaten Wirtschaft keinen Anspruch auf eine Altersversorgung haben.

IM FOKUS: Herr Enßlen, wie sehen Sie das aus der vertrieblichen Praxis?

Enßlen: Ich bin hauptsächlich in Betrieben mit weniger als 100 Mitarbeiter tätig. Dort besteht häufig das Problem, dass ich keinen Ansprechpartner finde, weder der Geschäftsführer noch der Buchhalter wollen sich mit dem Thema bAV beschäftigen. Ein weiteres Problem sind die sogenannten Uhu-Verträge, das sind die unter-hundert-Euro-Verträge, die Leute glauben, dass sie schon einen bAV-Vertrag haben und wollen sich nicht weiter damit beschäftigen. Die Verbreiterung der Betriebsrente im Unternehmen nutzt allein wenig, wenn es dabei nicht gelingt, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass die Leistungen auskömmlich sein müssen. Da es die Dynamik bei der Beitragsbemessungsgrenze (BBG) nicht von Anfang an gegeben hat, habe ich über mehrere Jahre massive Anstrengungen unternommen, um alle Bestandsverträge nach § 3 Nr. 63 Einkommensteuergesetz auf die förderfähige Grenze von vier Prozent anzuheben und mit BBG-Dynamik auszustatten, damit bei diesen Verträgen in Zukunft immer automatisch der Höchstbetrag umgewandelt wird. Ich kann aus dieser Erfahrung sagen, dass das sehr schwer ist. Die Leute fühlen sich geradezu belästigt, wenn ich ihnen vorschlage, ihre Einzahlungen zu erhöhen, damit sie nicht auf die Förderung verzichten. Oftmals denken die Beschäftigten, ich wolle ihnen etwas wegnehmen. Im Bewusstsein vieler Arbeitnehmer sind die Vorteile des Brutto-Netto-Effekts bei der bAV, unabhängig davon, ob der Arbeitgeber etwas beisteuert oder nicht, noch nicht angekommen. Und ich habe genauso viele Anstrengungen unternommen, dass Arbeitgeber zumindest den größten Teil der ersparten Sozialversicherungsanteile als Beitragszuschuss weitergeben. Ich habe ein Konzept entwickelt, bei dem durch die additive Nutzung der Durchführungswege – vier Prozent Direktversicherung und vier Prozent Unterstützungskasse – ein hohes Einsparpotential für die Arbeitgeber entsteht. Diese Ersparnis können Arbeitgeber als freiwilligen Beitragszuschuss weitergeben. Aber trotzdem war es nicht möglich, eine Teilnahmequote von mehr als 25 Prozent zu erreichen, was für mich völlig unverständlich ist.

IM FOKUS: Die Versicherer behaupten, die bAV sei ein wirksames Mittel, um wertvolle Arbeitskräfte zu gewinnen und zu binden. Ich habe den Verdacht, das kommt gar nicht an. Ist das so?

Buchem: Das ist schon ein sehr valides Argument. Wir stellen ja fest, dass viele Unternehmen es nicht schaffen, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Wir sehen auch, dass einige Branchen händeringend nach Fachkräften suchen. Zweifelsohne ist die bAV immer noch der attraktivste Benefit für die Unternehmen, auch aus Sicht der Mitarbeiter. Die bAV ist attraktiver als Firmenwagen oder Gesundheitsleistungen und ähnliches. Das große Problem ist, das wir gerade durch die Niedrigzinsphase erleben, dass die Versorgungslücke der Mitarbeiter deutlich größer wird und dass man deutlich mehr aufwenden muss, um diese Versorgungslücke zu schließen. Bei den meisten ist angekommen, dass die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung rapide sinken – von 53 Prozent des letzten Einkommens im Jahr 2000 auf 43 Prozent im Jahr 2030. Da reden wir immerhin beim Durchschnittsverdiener von einem Rückgang von 1.530 Euro auf 1.240 Euro, wenn wir heute das Rentenniveau von 2000 zu Grunde legen würden. Das sind fast 300 Euro weniger. Und um diese Lücke zu schließen, müssen Vorsorgesparer je nach angebotenem Leistungsplan und der Dauer der Ansparphase rund 150 bis 300 Euro monatlich aufwenden, wenn die Inflation noch ausgeglichen werden soll. Ich bin absolut der Überzeugung, dass die betriebliche Altersversorgung genau der richtige Weg ist. Bei vielen jungen Mitarbeitern ist es allerdings besonders schwierig, die Notwendigkeit eines frühen Konsumverzichts zu Gunsten der Altersversorgung zu erklären, da die Gründung einer Familie, Wohneigentum et cetera. bereits Kosten generiert, die erst einmal geschultert werden müssen. Trotzdem: Wenn Sie mit Arbeitnehmern und Arbeitgebern sprechen, dann merken Sie, dass die bAV nicht nur einwichtiges Instrument für die Mitarbeiterbindung, sondern auch für die Mitarbeitergewinnung darstellt.

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