portfolio international MAGAZIN

Portfolio International

portfolio international

Ausgabe 03/2017

Der Brexit und seine Folgen für Vermittler

...mehr

Meistgelesene Artikel


Alles zum Thema
BÖRSE & FINANZEN
finden Sie hier

DAX
Chart
DAX 12.079,00 +0,57%
TecDAX 2.867,25 +0,79%
EUR/USD 1,1197 -0,12%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Wertpapiersuche

Aktien Tops & Flops

WIRECARD 158,55 +1,90%
DT. BANK 6,50 +1,66%
THYSSENKRUPP 12,13 +1,51%
DT. BÖRSE 125,05 -0,36%
RWE ST 22,86 -0,26%
FMC 67,68 -0,24%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Source Markets plc SF 136,02%
JPMorgan Funds US AF 115,73%
H2O Multibonds R E RF 99,96%
Alger Sicav Alger SF 99,54%
Neptune Investment AF 98,36%

mehr

Anlage

24.07.2017

Der Brexit und seine Folgen für Vermittler I

„Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, mit mir allein als Passagier. Mit jeder Stunde, die vergeht, führt er mich weiter weg von dir ...“ Ein Schelm, wer bei diesem Hit von Christian Anders an Großbritannien denkt. Ob es auf ein: „Oh, Maria, du lässt mich gehen, doch eine Träne in Deinem Blick, eine Träne, die hab’ ich gesehen, willst Du mir sagen: Komm’ doch zurück?“ hinausläuft, ist zwar wenig wahrscheinlich, aber nicht undenkbar. Aller Ungewissheit zum Trotz muss die Finanz- und Fondsbranche handeln. Teil I
Tim Stevenson
Theresa May

Die Folgen des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union, so er denn kommt, hängen vom Ergebnis der Austrittsverhandlungen zwischen beiden Seiten ab. Die offizielle Frist für die Verhandlungen endet Ende März 2019. Gibt es bis dahin keine Übereinkunft, könnte die EU-Mitgliedschaft des Landes ohne ein Abkommen enden − oder der Zeitraum könnte verlängert werden, sofern dem die verbleibenden EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Zahlreiche Institute, Unternehmen und viele andere mehr loten daher Möglichkeiten und Lösungen aus, auf die es bei einer Einigung, oder eben ohne eine solche, hinauslaufen könnte. Auch das Deutsche Aktieninstitut (DAI) hat ein Positionspapier herausgebracht, das laufend diskutiert und bei Bedarf überarbeitet werden soll.

„Kein Unternehmen, keine Aufsicht, kein Kunde kann sich langfristig und umfassend auf die Zeit nach dem Wirksamwerden des Brexit vorbereiten, da schlichtweg noch keine Vorgaben, Regelungen oder Verträge existieren“, formulieren die Autoren des Papiers um den geschäftsführenden Vorstand Christine Bortenlänger. Betroffene könnten zwar versuchen, Änderungen zu antizipieren und entsprechende Lösungsszenarien zu entwickeln. Wegen des Ausmaßes an anstehenden Änderungen und der Vielfalt denkbarer Szenarien sei dies jedoch praktisch unmöglich. Zum würde es einige Zeit brauchen, um Änderungen umzusetzen – was schon an der Dauer konkreter Umsetzung neuer Richtlinien und Vorgaben bei standardmäßigen Gesetzgebungsverfahren deutlich werde. Es sei nicht zu erwarten, dass innerhalb von zwei Jahren alle Fragestellungen­ des Brexit in der erforderlichen Detailtiefe besprochen und Lösungen gefunden werden können. Zudem sei eine Umsetzung der Verhandlungsergebnisse nicht von heute auf morgen möglich.

„Adäquate Übergangsregelungen sind deshalb unverzichtbar, um Rechtsunsicherheit in der Übergangsperiode zu vermeiden“, betonen die Autoren. Diese Regelungen sollten vor allem sicherstellen, dass die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nicht mangels abgeschlossener Verhandlungsergebnisse zum Zeitpunkt des Brexit automatisch auf das Niveau zwischen Drittstaaten zurückfallen und unter Umständen erst nach mehrjährigen Verhandlungen wieder auf das endgültige Niveau angehoben werden. „Kann keine passende europäische Regelung gefunden werden, befürwortet das Deutsche Aktieninstitut hilfsweise eine vergleichbare Regelung auf deutscher Ebene“, rät das Institut.

Szenario harter Brexit
Seit der Rede der britischen Premierministerin Theresa May vom vergangen Januar sehen es zahlreiche Beobachter und Betroffene als sehr wahrscheinlich an, dass es zu einem harten Brexit kommt. Inwieweit May diese Position nach dem Verlust der absoluten Mehrheit ihrer Konservativen Partei bei den Parlamentswahlen am 8. Juni allerdings halten kann, ist zu Redaktionsschluss ungewiss. Ungewiss ist auch, ob und wie lange sich May als Vorsitzende ihrer Partei und damit als Verhandlungsführerin halten kann. Viele rechnen sogar mit Neuwahlen im Land binnen eines Jahres.

Ein harter Brexit würde bedeuten, dass Großbritannien ohne eine Einigung über die vier Grundfreiheiten der EU freier Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr, als Drittstaat qualifiziert würde. Dann wäre in zahlreichen Einzelfällen zu prüfen, ob bestimmte EU-Regelungen mit einem Drittstaaten-Regime ausgestattet sind und ob dieses angewendet werden können, erläutert das DAI im Positionspapier. Ansonsten würden die Regeln der Welthandelsorganisation für die Handelsbeziehungen zwischen dem Land und der Europäischen Union gelten. Bei diesem Fall sollte „mit besonderem Nachdruck“ auf eine Kompromisslösung hingearbeitet werden – die Abmilderung des harten Brexit durch Drittstaatenregelungen und bilaterale Vereinbarungen zwischen Großbritannien und der EU, schlagen die Macher des Papiers wie zahlreiche Beobachter und Betroffene vor, etwa der Bankenverband.

<break>

Bei einem solchen Szenario Drittstaatenstatus mit Übergangsregelungen wäre in einem Austrittsabkommen dann zwar keine Einigung über die vier EU-Grundfreiheiten erzielt – bei einer Kompromisslösung aber darüber, dass das dann als Drittstaat geltende Land bestimmte Regeln hat, die denen der EU „äquivalent“, gleichbedeutend, sind. Hierfür müssten EU-Rechtsakte, die bislang kein sogenanntes Äquivalenz-Regime enthalten, mit einem solchen ausgestattet werden oder eine gesetzesübergreifende Drittstaatenlösung beschlossen werden. Alternativ könnten beide Seiten ein eigenes bilaterales Abkommen zwischen der EU und Großbritannien aufgreifen und ergänzen, wobei die vereinbarten Punkte beiderseitig gelten sollten.

Szenario weicher Brexit
Eine weitere, nach jetzigem Stand weit unwahrscheinlichere Lösung wäre ein weicher Brexit. Das Austrittsabkommen könnte dann zum Beispiel eine beiderseitige Gleichstellung von britischen mit EU- Unternehmen, Produkten und Dienstleistungen vorsehen, wie zahlreiche Beobachter erläutern. Das Land wäre dann weiter am EU-Binnenmarkt beziehungsweise im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beteiligt. (Der EWR ist eine Freihandelszone zwischen der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation „EFTA“ und erweitert den europäischen Binnenmarkt um Island, Liechtenstein und Norwegen. EWR-weit gelten die vier Freiheiten Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr.)

Alternativ könnte Großbritannien eine Bestandsgarantie für bestehende Erlaubnisse und/oder EU-Pässe gewähren. Allem frommen Wunschdenken und gegenteiligen Beteuerungen von Premierministerin May zum Trotz erscheint die Möglichkeit, dass Großbritannien im Brexit-Prozess den Status eines Drittstaates erhält, derzeit allerdings als sehr realistisch. Für die britische Fondsbranche hätte dieses Szenario erhebliche, negative Auswirkungen, heben zum Beispiel Beobachter der hiesigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly hervor. Die Gesellschaft ist Teil des weltweiten Firmennetzwerks Baker Tilly International, in dem Wirtschaftsprüfer, Anwälte, Steuerberater und Unternehmensberater Dienstleistungen anbieten.

Britische Finanzinstitute, -dienstleister und Fondsanbieter kämen demnach weder in den Genuss der Dienstleistungsfreiheit durch einen EU-Pass, noch könnten sie von der europaweit freien Niederlassungswahl profitieren. Dies schränke ihre Vertriebsaktivitäten deutlich ein. Betroffen seien dadurch nicht allein britische Fondsanbieter, sondern auch britische Tochtergesellschaften von amerikanischen Fondsunternehmen, die aktuell noch von London aus den europäischen Markt bedienen. „Wollen britische Fondsanbieter dennoch in der EU aktiv werden, müssen sie einen ganz erheblichen Aufwand auf sich nehmen“, sagt Aykut Bußian, Leiter Fund Solutions bei Baker Tilly. Eine britische Kapitalverwaltungsgesellschaft (KVG) müsste beim beabsichtigten Vertrieb von Fonds an deutsche Privatanleger der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) weitgehende Informationen zu ihrer Organisation­ zur Verfügung stellen.

„Unter dem Strich ist der Aufwand so groß, als würde die KVG einen eigenen Erlaubnisantrag nach dem deutschen Kapitalanlagegesetzbuch stellen. Dies – und die bekanntermaßen langen Prüffristen der Bafin – werden zusammen ein inakzeptables Vertriebshemmnis darstellen“, meint Bußian. Die Einschränkungen würden nicht nur beim Absatz an Privatanleger gelten, sondern auch bei institutionellen Investoren. „Beim Vertrieb von Spezialfonds an deutsche Investoren wirkt sich das Fehlen des EU-Passes für die britische KVG ebenfalls dramatisch aus: In diesen Fällen würde die EU einen Referenzmitgliedstaat bestimmen, dessen Regulierungsniveau die britische KVG erfüllen muss“, erläutert Berater Bußian.

„Zum Vergleich: Handelt es sich um eine KVG aus der EU, genügt die Einholung einer Bescheinigung der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörde“, ergänzt er. Neben diesen Hürden in den Bereichen Zulassung und Vertrieb gebe es auch steuerliche Effekte auf die Strukturierung der Fonds: „Dies betrifft vor allem mehrstöckige Holding-Strukturen mit britischen Gesellschaften und Gesellschaften in der EU. Bei solchen Konstellationen ist die Quellensteuerfreiheit bedroht“, hält Bußian fest. Für die EU ist es aus seiner Sicht nicht erstrebenswert, Großbritannien den Status eines EWR-Mitglieds einzuräumen, was die vier Grundfreiheiten einräumen würde. Schlimmstenfalls komme es mit Großbritannien zu einem Präzedenzfall, dem andere EU-Mitglieder folgen könnten.

portfolio international 24.07.2017

Heike Gorres
Anzeige
 
Einen Kommentar schreiben
Wir freuen uns über Ihre Kommentare. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

CAPTCHA Bild zum Spamschutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
* Pflichtfelder
 
Anzeige