Der Begriff „Risikogleichgewichtung“ oder neuhochdeutsch „Risk Parity“ hat erst vor weniger als zehn Jahren Eingang in das Vokabular internationaler Vermögensverwalter gefunden. Das damit verbundene Konzept wird insbesondere in den USA bereits viel länger diskutiert und dort seit 1996 auch von Fonds in die Praxis umgesetzt. Dass diese Ansätze auch in Europa zunehmend an Popularität gewinnen, hat einen ebenso einfachen wie nachvollziehbaren Grund: Sie haben in den jüngsten Krisen an den Aktien- und Finanzmärkten überzeugende Ergebnisse geliefert.
„Der Grundansatz von Risk Parity ist es, die Volatilitäten einzelner Wertpapiere oder Asset-Klassen paritätisch, also gleich zu gewichten. Dabei orientiert man sich daran, wie die Volatilitäten in der Vergangenheit ausgefallen sind“, erläutert Michael Busack, der Geschäftsführer des Hamburger Analysehauses Absolut Research. Insbesondere bei der Zusammenstellung von Portfolios aus unterschiedlichen Anlageklassen scheint Risk Parity wahre Wunder bewirken zu können. Wie dieses Konzept im Unterschied zu klassischen Allokationsansätzen funktioniert, lässt sich am besten an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Bei einer unter US-Investoren typischen Aufteilung eines gemischten Wertpapier-Portfolios in 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen – im Folgenden 60/40-Portfolio genannt – resultieren etwa 90 Prozent der Volatilität des Gesamtportfolios aus den Aktien. Selbst bei einer Gleichverteilung des Vermögens auf Aktien und Renten ist der Großteil der Volatilität des Gesamtportfolios auf dessen Aktienbestandteil zurückzuführen.
Risikoparitätische Allokationsansätze zielen darauf ab, die Volatilität des Gesamtportfolios zu gleichen Teilen auf die Risikobeiträge der enthaltenen Anlageklassen zu verteilen. Im Falle eines nur aus US-Aktien und -Anleihen bestehenden Portfolios hätte das zur Folge, dass etwa 70 Prozent des Vermögens in Anleihen und 30 Prozent in Aktien investiert werden müssten. Angesichts der relativ hohen Anteile schwankungsarmer Anlageklassen fallen allerdings auch die Renditen risikoparitätischer Portfolios vergleichsweise niedrig aus. Um höhere Renditen zu erzielen, wird bei diesen Ansätzen nicht die Zusammensetzung des Portfolios verändert, sondern das gesamte Portfolio mit einem Hebel, dem sogenannten Leverage, versehen.
Der Fokus richtet sich auf das Risiko
„Man betrachtet Portfolios nicht mehr so sehr aus der Ertragsperspektive, sondern versucht stattdessen, deren quantitative Risiken zu diversifizieren“, erklärt Busack den Unterschied zu klassischen Diversifikationsbemühungen. Dabei gehe der Fokus zunehmend weg von reinen Renditebetrachtungen und richte sich primär an einer risikoorientierten Asset Allocation aus. „Hier findet ein Bewusstseinswandel statt, und insofern hat das schon etwas Neues“, glaubt Busack. Einige Befürworter von Risk Parity legen sogar Wert auf die Feststellung, dass man bei Umsetzung dieses Konzepts ganz auf erfahrungsgemäß meist sehr unzuverlässige Renditeprognosen verzichten kann.
Der besondere Reiz dieses Konzepts liegt jedoch darin, dass er Anlegern bessere Ergebnisse in Aussicht stellt als traditionelle Allokationsansätze. In der von Absolut Research im April 2012 veröffentlichten Studie „Risk Parity – Strategie und Fondsanalysen“ heißt es hierzu: „In der Theorie liefert das Risk-Parity-Portfolio eine gesteigerte risikoadjustierte Rendite, so dass man bei Hebelung des Risk-Parity-Portfolios auf ein dem traditionellen 60/40-Portfolio korrespondierendes Risiko mit einer höheren Rendite rechnen kann.“
Dass mit Risk-Parity-Strategien auch in der Praxis überzeugende Ergebnisse erzielt werden können, zeigt die Entwicklung einiger Multi-Asset-Fonds während der vergangenen Jahre. Ein Beispiel hierfür ist der von Aquila Capital aufgelegte AC Risk Parity 7 Fund, dessen Retail-Tranche seit Auflegung im Mai 2008 eine annualisierte Rendite von 4,9 Prozent bei einer Volatilität von nur 6,0 Prozent erzielt hat (siehe die Tabelle auf der nächsten Seite). Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da der Fonds, anders als die übrigen in der Tabelle enthaltenen Fonds(tranchen), bereits während der heftigen Kursverwerfungen an den Finanzmärkten im Herbst 2008 auf dem Markt war. Dass der maximale Verlust, den der Risk Parity 7 seit seiner Auflegung verzeichnet hat, dennoch nur 5,6 Prozent beträgt, belegt die defensiven Qualitäten des Fonds recht eindrucksvoll.
„Dass wir 2008 mit dem Risk Parity 7 eine Rendite von neun Prozent bei einer Volatilität von nur sieben Prozent erreicht haben, ist zwei Dingen zu verdanken: dem risikoparitätischen Ansatz überhaupt und unserem speziellen Risikomanagement“, sagt Jan Auspurg, Fondsmanager im Quantteam von Aquila Capital (Anmerkung der Redaktion: Diese Angaben beziehen sich auf die institutionelle Tranche des Fonds). Doch der rein quantitativ, also über Signale aus Computermodellen gesteuerte Fonds weist neben einem sehr komplexen Risikomanagement eine weitere Besonderheit auf: Er investiert nicht streng paritätisch in die vier Asset-Klassen „Rohstoffe“, „Aktien“, „kurzfristige Zinsen“ und „Staatsanleihen“, sondern nimmt zeitweise taktische Abweichungen von der Gleichgewichtung vor, wenn die auf acht Behavioural-Finance-Indikatoren basierenden Modelle besondere Chancen oder Risiken in einzelnen dieser Asset-Klassen signalisieren.




Deutsche Bank / Realtime Indikation
