portfolio international MAGAZIN

Portfolio International

portfolio international

Ausgabe 03/2017

Der Brexit und seine Folgen für Vermittler

...mehr

Meistgelesene Artikel


Alles zum Thema
BÖRSE & FINANZEN
finden Sie hier

DAX
Chart
DAX 12.561,50 -0,31%
TecDAX 2.381,75 -0,27%
EUR/USD 1,1972 +0,27%

Quelle: Sponsor Deutsche Bank / Realtime Indikation

Wertpapiersuche

Aktien Tops & Flops

DT. BANK 13,98 +1,81%
HEID. CEMENT 85,32 +1,51%
SIEMENS 117,60 +1,07%
THYSSENKRUPP 25,19 -3,31%
RWE ST 20,27 -2,90%
E.ON 9,20 -2,73%

Fonds Top Performer 3 Jahre

Fondsname FA Perf. 3J.
Structured Solutio AF 142,51%
Allianz Global Inv AF 107,48%
Commodity Capital AF 104,21%
Crocodile Capital MF 94,34%
Lupus alpha Fonds AF 87,29%

mehr

Anlage
04.09.2017

Null und eins = reich II

Hendrik Leber

Künstliche Intelligenz sorgt für einen Erdrutsch in der Kapitalverwaltung, da sind sich Beobachter und Akteure sicher. Die ganz Jungen dürften erleben, wie lernende Maschinen den Menschen bei Anlageentscheidungen immer mehr verdrängen. Teil II

Catana Capital hat im Juli vergangenen Jahres mit dem Catana Big Data (Isin DE000A2AGM42) einen nach eigenen Angaben auf Big Data und künstliche Intelligenz basierenden offenen alternativen Investmentfonds aufgelegt. Der Fonds investiert mit einem long/short-Ansatz in Aktien großer deutscher Unternehmen und in europäische Indexfutures, insbesondere in Futures auf den britischen FTSE und den Dax.

„Wir sammeln und verarbeiten in Echtzeit im Internet verfügbare, Asset-Klassen-übergreifende Daten aus mehreren hunderttausend relevanten Nachrichten, Tweets, Blogs, Foren und Ähnlichem“, erläutert Nico Baum, COO und Portfoliomanager bei Catana Capital. So würden neben traditionellen editorialen Inhalten auch Inhalte aus sozialen Medien erfasst. Hinzu kommen Researchdaten und makroökonomische Daten einschlägiger Institute. Das System durchforstet so laufend Inhalte zu gut 25.000 Finanztiteln, darunter auch Währungen und Rohstoffe. Die Daten werden in einem nächsten Schritt gefiltert, gewichtet und die daraus resultierenden Informationen für das zugrundliegende Anlageuniversum mit historischen Kursmustern abgeglichen.

„Die Schlüsselfrage bei der Gewichtung lautet: Wer sagt was zu welchem Wertpapier?“, erläutert Baum. „Eine Aussage von US-Investor Warren Buffett wiegt zum Beispiel deutlich mehr als die eines unbekannten Bloggers.“ So soll zudem sichergestellt werden, dass nur valide­ Daten Einfluss haben. Diese Gewichtung wird je nach Prognosegüte dem Anbieter zufolge laufend automatisch angepasst. Unter dem Strich gibt das System Kauf- und Verkaufsempfehlungen für die deutschen Large-Cap-Aktien und die europäischen Indexfutures, welche die Fondslenker laut Baum strikt umsetzen. Ziel des Fonds ist eine zweistellige jährliche Rendite unabhängig von den Bewegungen am Aktienmarkt, was sehr ambitioniert erscheint.

Das Element der künstlichen Intelligenz erläutert Baum damit, dass der Computeralgorithmus vor der konkreten Handlungsempfehlung vergleicht, wie sich die Aktien im Anlageuniversum in der Vergangenheit bei welchen Gegebenheiten entwickelt haben und dies bei den Anlageempfehlungen berücksichtigt und laufend fortschreibt. „Die getroffenen Entscheidungen und ihre Ergebnisse fließen in künftige Anlageempfehlungen mit ein – das System lernt automatisiert dazu“, erläutert der Fondsmanager.

Bei bekannten außergewöhnlichen Großereignissen greifen die Fondsleute allerdings wenige Tage vorher in den Prozess ein, indem sie die Positionen im Fonds neutral stellen. „Das war etwa beim Brexit-Referendum in Großbritannien und bei der US-Präsidentschaftswahl der Fall“, sagt Baum. Denn was dann passiere, könne weder er noch der Computeralgorithmus vorhersagen.

Für die Zukunft rechnet Baum mit einem Konkurrenzkampf unter den Computersystemen um die Anlegergelder und weniger unter „klassischen“ Fondsmanagern. „Letztlich werden die erfolgreichen Big-Data- und künstliche-Intelligenz-Modelle den traditionellen Anlageformen das Leben schwer machen“, erwartet er. Künftig werde es für einen Asset Manager von absoluter Bedeutung sein, dass er auf entsprechende Daten exklusiv zugreifen kann und nicht nur versucht, bestehende Daten schneller und besser auszuwerten. „Diesbezüglich stellt unsere historisch gewachsene Datenbank, die wir laufend füttern und die im Investmentprozess eine zentrale Rolle spielt, eines unserer Alleinstellungsmerkmale dar“, betont der Catana-Capital-Mann.

„Es wird zwei Extreme geben, die künstliche Intelligenz und die wirklich guten Asset Manager“, erwartet Leber von Acatis innerhalb der Finanzbranche. „Die guten Asset Manager bleiben bestehen, weil die Märkte ineffizient sind und sie ihre Erfahrung einsetzen können. Aber es werden nicht sehr viele sein“, meint er. Das Mittelmaß im Asset Management werde mittelfristig verschwinden­, weil die Maschinen besser lernten als die Menschen.

„Die Ausprägung der künstlichen Intelligenz wird vielfältig sein: Welche Daten fließen ein? Hat das Modell einen langen oder kurzen Anlagehorizont? Was ist das Ziel der Anlagestrategie?“, nennt Leber einige der grundsätzlichsten Fragestellungen. Kurzfristig werde es daher nicht zu einer Überhitzung bei einzelnen Anlagestrategien kommen.

Dass am Ende die beste Programmierung gegeneinander antritt und nicht mehr die besten klassischen Asset Manager, hält Carl vom Thinktank 2bAhead für sehr realistisch. „Geldanlage ist spieltheoretisch ein Spiel mit unvollständiger Informationslage. Das ist die Botschaft der Go- und Poker-Siege künstlicher Intelligenz gegen menschliche Champions, gerade hier ist künstliche Intelligenz dem menschlichen Vermögen überlegen“, meint Carl. Hinzu komme, dass dies auch bei der Analyse von Persönlichkeit und Bedürfnislage von Anlegern so sei.

„Unternehmen lernen, ihre Datenschätze zu nutzen“, meint auch Leber von Acatis. „Die Kehrseite ist, dass der Mensch immer gläserner wird“, hebt er einen lange diskutierten Knackpunkt rund um Datenschutz hervor. Allein schon eine Kombination aus Mobilfunkdaten, Kreditkartennutzung, Whatsapp-Konto und Onlinekäufen mache jeden komplett durchsichtig. Wirksamer Datenschutz sei daher sehr schwierig. „Sind Ihre Daten irgendwo auf einem Server gespeichert, ist die Sicherheit schon kompromittiert. Der beste Schutz vor Datenmissbrauch ist daher, keine Daten preiszugeben“, folgert Leber.

Es sei mittlerweile jedoch fast unmöglich, datenabstinent zu bleiben – wer sich aussperre, werde zum Einsiedler. Für 2bAhead-Mann Carl ist wirksamer Datenschutz indes vorstellbar, mit Dezentralisierung als Schlüssel zum Datenschutz der Zukunft. Der entscheidende technologische Schritt ist für ihn die sogenannte Blockchain-Technologie, über die der Zentralisierung von Daten etwa bei wenigen großen Unternehmen entgegengewirkt werden könne.

Bei dieser Technologie wird, grob vereinfacht, eine Datenbank auf mehrere Computer verteilt und Vorgänge innerhalb dieser Datenbank in einzelnen Datenblöcken ausgewiesen, die kettenartig miteinander verbunden sind. „Nur wenn die Menschen es schaffen – und wollen –, die Zentralisierung von Daten bei wenigen großen Unternehmen aufzuheben, gewinnen die Nutzer die Macht über ihre Daten zurück“, meint Carl. Die aktuelle Entwicklung des europäischen Datenschutzes weise zumindest in diese Richtung.

Auch Baum von Catana Capital bezeichnet Datensicherheit, wie zu vermuten, als ein sehr großes Thema. „Wir selbst haben alle Vorkehrungen getroffen, um die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten“, versichert er. Die Frage, ob zum Beispiel die hauseigene Datenbank gehackt werden könnte, sei allerdings gegeben. Die Finanzaufsicht Bafin hat vor kurzem erklärt, dass sie verstärkt im Nationalen Cyber-Abwehrzentrum der Bundesregierung mitarbeiten werde. Unzählige Institute beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema – ob wirkungsvoll oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Eine Kehrseite, die Carl von 2bAhead der künstlichen Intelligenz zuordnet, ist eine ganz andere: „Ihre Tätigkeit entzieht sich einer Überprüfung. Wir sehen Ergebnisse, können ihre Entstehung aber immer weniger nachvollziehen, weder sachlich, noch ethisch.“ Künstliche Intelligenz arbeite per se regellos – ihre Stärke und zugleich die Unmöglichkeit ihrer Kontrolle. Der siebte Sinn bleibe dabei keineswegs außen vor. Das Hirn des Wissenden könne eine konkrete Situation mit seinen Erfahrungen und Erkenntnissen abgleichen. Da dies größtenteils intuitiv, extrem schnell und nicht bewusst gesteuert ablaufe, erscheine es uns wie ein gesonderter siebter Sinn.

„Die Intuition ist das Paradebeispiel für datenbasiertes Handeln des Menschen. Im Kern ist dies der Teil des menschlichen Vermögens, das der Funktionsweise künstlicher Intelligenz am ähnlichsten ist – und gerade der, bei dem sie uns überlegen ist“, meint Carl. In diesem Sinne handele künstliche Intelligenz intuitiv. Für Leber von Acatis ist es wichtig, sich bei seinen Ansätzen künstlicher Intelligenz von menschlicher Emotionalität unabhängig zu machen. „Es wäre ideal, wenn unser Computer diesen siebten Sinn für sich entwickelt.“

(Bild Leber: Acatis)

portfolio international 04.09.2017

 
Heike Gorres
Einen Kommentar schreiben
Wir freuen uns über Ihre Kommentare. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

CAPTCHA Bild zum Spamschutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
* Pflichtfelder
 
 
Anzeige
Anzeige