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16.01.2012

Interview mit Tabea Bucher-Koenen vom Max-Planck-Institut

Nachgefragt bei Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des Forschungsbereichs „Gesundheit und Leben“ des Münchener Zentrums für Ökonomie und Demographischen Wandel (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik.

portfolio international: Sie vermuten, dass gerade Haushalte mit geringem Finanzwissen, die ihre Aktienbestände als Folge der Krise verkauft haben, den Aktienmärkten längerfristig fernbleiben könnten. Gibt es bereits konkrete Hinweise auf ein solches Verhalten?

Tabea Bucher-Koenen: Nein, wir verfügen derzeit nur über eine recht kurze Zeitreihe. Wir haben bisher lediglich Daten für 2009 und 2010, also erst für zwei Jahre nach der Krise. Deshalb können wir noch nicht über langfristige Entwicklungen sprechen und müssen an dieser Stelle ein wenig spekulieren. Wir haben festgestellt, dass Haushalte mit geringem Finanzwissen, die Verluste erlitten haben, überdurchschnittlich oft komplett aus Aktienanlagen ausgestiegen sind. Sie sind in der Zeitspanne, die wir überblicken können, auch nicht wieder an die Aktienmärkte zurückgekehrt. Aber über ihr längerfristiges Verhalten können wir noch keine fundierten Aussagen machen.

pi: Gibt es andere Studien, die Ihre Vermutungen erhärten könnten?

Bucher-Koenen: Die gibt es schon. Ulrike Malmendier und Stefan Nagel haben beispielsweise gezeigt, dass Menschen, die in einer frühen Phase ihres Lebens mit negativen Entwicklungen an den Aktienmärkten konfrontiert waren, im Lauf ihres Lebens mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit an diesen Märkten teilnehmen als andere. Calvet, Campbell und Sodini haben auf Basis schwedischer Daten beobachtet, dass Leute mit geringerem Finanzwissen sich generell eher von den Aktienmärkten fernhalten. Insofern erscheint unsere Vermutung gerechtfertigt.

pi: Inwieweit lassen sich Ergebnisse wie die Ihrer ­Studie auf andere Länder übertragen?

Bucher-Koenen: Diese Frage stellen wir uns auch. Wir nehmen gerade an einem internationalen Forschungsprojekt teil, das untersucht, inwiefern die Muster, die Wissenschaftler in Bezug auf das Finanzwissen der Haushalte finden, über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sind. Tatsächlich scheinen die Verbreitung von Finanzwissen und dessen Einflüsse auf das Verhalten über Grenzen hinweg sehr ähnlich zu sein. Beispielsweise haben wir durchweg festgestellt, dass Menschen mit niedrigerem Einkommen und einer geringeren Bildung auch ein deutlich schlechteres Finanzwissen haben.

Das Gespräch führte Ralf Kolbe.

portfolio international 13.12.2011

 
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