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Ausgabe 03/2017

Der Brexit und seine Folgen für Vermittler

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Anlage
10.07.2017

IM INTERVIEW: Man sollte nicht eine Brücke überqueren, bevor man sie erreicht hat

John Townsend

John Townsend, Portfolioberater bei Matz-Townsend Finanzplanung in Deutschland und Fellow des Chartered­ Institute for Securities & Investment (CISI) in London, legt dar, wie sich die Brexit-Entscheidung aus seiner Sicht auf die Finanzbranche und den Fondsmarkt hüben und drüben auswirken könnte.

Herr Townsend, Sie sind gebürtiger Brite, leben seit langem in Deutschland und haben die meiste Zeit Ihres Berufslebens in der internationalen Finanzbranche verbracht. Was hat bei der Brexit-Entscheidung für Sie beruflich und persönlich den stärksten Einfluss?
Der größte Einfluss ist zurzeit die Unsicherheit. Und natürlich ist der Wettbewerb zwischen verschiedenen Ländern und Städten als Alternative zum Finanzplatz London bereits in vollem Gange. Es gibt viel politisches Geschwätz darüber, wer wohin umziehen soll, ob Frankfurt, Paris, Amsterdam oder Dublin – oder vielleicht alle oder keine. Jedoch nur, wenn sich die Lage beruhigt hat, kann man sehen, was zu tun ist.

Konnten Sie an dem Referendum teilnehmen?
Ja, ich habe teilgenommen und war gegen ein Verlassen Großbritanniens aus der Europäischen Union. Ich denke, die Entscheidung für den Austritt war ein Fehler und hatte mehr mit Ausländerhass zu tun als mit Logik. Hier kamen ‚Fake News‘ und gar Lügen ins Spiel, und eine geringe Mehrheit der Briten hat dies geglaubt. Jetzt gibt es aber kein Zurück mehr, und ich hoffe, Europa wird die Möglichkeit nutzen, auch einige interne Neuorganisationen vorzunehmen, um überlebensfähig zu werden.

Stellen Sie erhöhte Kundenanfragen fest zum Thema Brexit allgemein und in Verbindung zu ihrem Vermögen?
Meine Kunden haben bisher keine Sorgen über die Konsequenzen eines Brexits geäußert. Ich habe alle Kunden sofort nach der Wahl angeschrieben. Die Zeit, sich Sorgen zu machen ist, wenn von der Politik eine praktische relevante Entscheidung getroffen worden ist. Anleger haben zudem andere Interessen als Banken oder produzierende Firmen und können abwarten, bis etwas Festeres zu sehen ist.

Viele Beobachter rechnen nach Reden der britischen Premierministerin Theresa May und dem Weißbuch der britischen Regierung mit einem harten Brexit. Rechnen Sie auch damit?
Ein harter Brexit ist durchaus möglich. Ich glaube aber, dass dies nicht gewollt ist. Wenn May aber gezwungen sein sollte, dies zu tun, ist sie bereit, einen solchen Schritt zu machen. Letztlich braucht es ruhige Verhandlungen ohne unnötige Übertreibungen von Politikern auf beiden Seiten.

Viele plädieren für Übergangsregelungen, die sicherstellen sollen, dass die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nicht mangels abgeschlossener Verhandlungsergebnisse zum Zeitpunkt des Brexit in zwei Jahren automatisch auf das Level von Drittstaaten zurückfallen. Was ist Ihre Meinung?
Es wäre schön, eine Übergangsregelung zu haben. Aber solange keine praktische Entscheidung getroffen worden ist und auch kein System zur Abwicklung existiert, ist eine Übergangsregelung überflüssig. Dabei besteht die Gefahr, etwas zu konkretisieren, was man später nicht haben will. Großbritannien wird sicher nicht verschwinden, sondern wirtschaftliche und professionelle Stärke zeigen. Auch die Märkte werden weiter existieren, ob nun Aktien-, Devisen- oder Terminmärkte und dergleichen mehr. Das Getöse besonders aus den Südländern zielt mehr auf die dort heimische Bevölkerung ab als auf alles andere. Dort hat man Angst, dass der Geldhahn gedrosselt wird, wenn Deutschland als einziges EU-Geberland verbleibt. Man sollte höflich zuhören und nichts in Eile unternehmen.

Als ein Beispiel für einen Übergangsansatz ohne sehr großen Aufwand nennt das Deutsche Aktieninstitut die Mifir-Regelung, nach der Drittlandfirmen bis zu drei Jahre ohne gleichwertige, „äquivalente“ Regelungen in Übereinstimmung mit nationalen Regelungen auch weiterhin Wertpapierdienstleistungen in den Mitgliedsstaaten erbringen können. Halten Sie ein solches Vorgehen für realistisch auch von britischer Seite?
Lassen Sie uns erst einmal zu einem Bedarf an eine Übergangsregelung kommen. Nur dann lohnt es sich, ins Detail zu gehen. Europa hat bisher nichts desgleichen erlebt und vieles muss neu erprobt werden.

Beobachter verweisen auch auf das Drittstaaten-Regime der künftigen Mifid-II-Bestimmungen als Beispiel für eine mögliche Zukunft und auch Alternative zum EU-Pass. Das Regime sieht eine Gleichbehandlung von Drittstaaten und Staaten der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums EWR vor, wenn eine „Äquivalenz“, eine Übereinstimmung, der Vorschriften gegeben ist, jedoch nur in wenigen Bereichen. Eine Erweiterung dieser Bereiche sei daher sinnvoll.
Die Verhandlungen zu Mifid II sind schon weit fortgeschritten. Die jetzigen Freiheiten, etwa die Freizügigkeit von Banken und Unternehmen, werden in Zukunft nicht mehr funktionieren, und es wird bilaterale Verhandlungen auf Regierungsebene geben müssen. Schon jetzt sind die Kontrollen in Europa schwächer als in Großbritannien, wo eine ganze Schicht an Maklern und Finanzberatern nicht mehr existiert. Berater hier in Deutschland sind schon jetzt auf ihre Rechtsanwälte angewiesen. Wir haben ebenfalls sehr gute und vorausdenkende Anwälte, die etwa bei rechtlichen Änderungen beratend helfen werden. Mit dieser Sicherheit sehe ich die Zukunft noch gelassen.

Beobachter empfehlen auch, auf eine Kompromisslösung hinzuarbeiten – eine Abmilderung des harten Brexit über Drittstaatenregelungen und bilaterale Vereinbarungen zwischen Großbritannien und der EU. Halten Sie eine solche Lösung für realistisch?
Kompromisslösungen sind schön und gut; jedoch ist es für die handlungsbevollmächtigten Bürokraten nicht einfach, eine Richtung zu finden, womit alle leben können. Großbritannien hat schon lange die Sorge gehabt, dass europäische Verhandlungen mit Drittstaaten den Londoner Markt schwächen würden. Die Verhandlungsmächten der EU schienen längere Zeit die Wichtigkeit des Londoner Marktes nicht erkennen zu wollen und waren bereit, dieses gegen andere Ziele, zum Beispiel Industrie und Agrar, die wichtiger erschienen, zu verhandeln.

 
Heike Gorres
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