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Beratung
16.02.2016

Kommt bald eine DIN-Norm für standardisierte Finanzanalyse?

Dr. Klaus Möller

Hinter den Kulissen trafen sich letzten Freitag im Berliner DIN-Institut namhafte Vertreter der Finanzbranche, um im Normausschuss einen einheitlichen Standard „Finanzanalyse für den Privathaushalt“ voranzubringen. Die Hintergründe.

Für Privatkunden gibt es derzeit in Deutschland bei der Finanzberatung eine Vielzahl unterschiedlicher Analysetools, wenn es um die Analyse ihrer Finanzsituation geht. Anders als in der Medizin fällt damit die „Diagnose“ je nach Berater und Situation für ein und denselben Kunden oft völlig unterschiedlich aus. So ist es auch kein Wunder, dass „Finanztest“ kürzlich von insgesamt 23 getesteten Instituten nur drei Banken die Note „gut“ zuerkannte. „Die fehlende Vergleichbarkeit schon der Analyse erschwert dem Kunden, Vertrauen zu fassen, und macht solide Beratung mitunter zur Glückssache“, sagt Dr. Klaus Möller. Hinzu kommt, dass wegen des Zeitaufwandes häufig nur vermögende Kunden eine Analyse bekommen.

Möller führt die Geschäfte der Gesellschaft für Finanznorm mbH, kurz Defino. Der frühere MLP-Berater und Ergo-Vorstand will endlich eine transparente, nachvollziehbare und vergleichbare, einfache und bezahlbare Finanzanalyse für jeden Privathaushalt. Die Vorarbeiten dafür sind weit gediehen, seit Möller das Deutsche Institut für Normung (DIN) für das Projekt mit ins Boot geholt hat. Grund: Beim DIN gibt es für jedes Thema nur eine einzige Norm.

Bereits seit März 2014 ist die Vorstufe, die Spezifikation DIN Spec 77222, fertig. Das Tool bewertet über mehrere Bedürfnisstufen die finanzielle Situation von Privathaushalten. Es umfasst die Bereiche Absicherung, Vorsorge und Vermögensplanung. Das Besondere: „Durch den integrierten DIN-Standard ist nicht nur die hohe Qualität der Analyse sichergestellt, sondern das Ergebnis auch für die Kunden nachvollziehbar und transparent“, meint die Vereinigte Postversicherung und wendet die Software seit Oktober 2015 an.

Auch andere Anbieter haben den Sinn eines einheitlichen Qualitätsstandards erkannt. So will die Deutsche Bank demnächst die „standardisierte Finanzanalyse für den Privathaushalt“ anwenden. Morgen & Morgen tut es bereits, auch der Maklerpool Jung, DMS & Cie., die Volksbank Emmerich-Rees sowie die Honorarberater Con.fee AG und Honorarfinanz AG. Bislang herrscht bei Finanzanalysetools Wildwuchs; Normen beziehen sich höchstens auf technische Abläufe, aber nicht auf das eigentliche Beratungsgespräch.

Möller ist daher froh, auch die Stiftung Warentest und den Arbeitskreis Beratungsprozesse, der sich auch um Mindestanforderungen für Finanzprodukte kümmert, am Tisch zu haben, die beide an einer weiteren Spezifikation, der DIN Spec 77223, mitgewirkt haben: Diese betrifft die „Standardisierte Vermögens- und Risikoanalyse für Privatanleger“. Der dort definierte Prozess setzt auf der ganzheitlichen Analyse nach der DIN Spec 77222 auf und vertieft diesen bezogen auf die Anlagethemen. Die einschlägigen Gesetze regeln den Prozess der Anlageberatung im Groben, lassen aber sehr viel Spielraum in der Anwendung. „Diesen Spielraum sinnvoll zu füllen, Verbrauchern und Beratern Sicherheit zu geben und damit Verbrauchervertrauen zu stärken, ist das Ziel“, so Möller.

Übrigens: Die Umsetzung von DIN-Normen und DIN-Standards ist freiwillig, ergänzt aber die Gesetze und sorgt für Verlässlichkeit und Klarheit. „Das braucht die Finanzdienstleistungsbranche, deren Beratungs- und Produktwelt unnötig komplex, für die Verbraucher weitgehend unverständlich und vielfach von Willkür und Unverbindlichkeit geprägt ist“, ergänzt Möller. An der Weiterentwicklung DIN Spec 77222 zur DIN-Norm arbeiten namhafte Firmen mit wie Allianz, Commerzbank und OVB.

Defino war 2011 eigens für die Entwicklung von Standardisierungen und Normungen von Analyse- und Beratungsprozessen im Bereich Finanzdienstleistungen gegründet worden. Das Unternehmen arbeitet dabei eng mit dem Deutschen Institut für Normung, Wissenschaftlern, Verbraucherschutzorganisationen sowie Experten des Finanzdienstleistungsgewerbes zusammen. Erste Standardisierung war nach rund einem Jahr Entwicklungszeit im März 2014 die DIN Spec 77222 zur Finanzanalyse für den Privathaushalt, aus der jetzt womöglich bis Ende 2016 eine DIN-Norm entwickelt wird.

Man sollte sich jedoch vor Illusionen hüten. Kommt es zu einer DIN-Norm „standardisierte  Finanzanalyse für den Privathaushalt“, so gebe es endlich eine einheitliche „Diagnose“, jedoch keinesfalls eine einheitliche „Therapie“. Denn die folgende Produktauswahl ist noch weit von einer Normung entfernt. Hier gibt es je nach Sachkunde und Art der Bezahlung noch viel mehr Wildwuchs als bei der Analyse. Defino will mit einer speziellen Matrix auch bei der „Therapie“ Akzente setzen: Ein Scoring innerhalb der Software bewertet schon heute die Angebote auf ihre individuelle Tauglichkeit hinsichtlich Sicherung der finanziellen Grundbedürfnisse, Erhalt des Lebensstandards und Verbesserung des Lebensstandards.     

Detlef Pohl

(Bild: Defino) 

Weiterführende Links:

portfolio international update 16.02.2016

 
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