portfolio international update: Warum verschenken so viele Riester-Sparer die staatliche Zulage?
Wolfram Erling: Der größte Anteil an Zulagen wurde verschenkt, weil die Riester-Sparer schlicht keinen Antrag gestellt hatten. Dadurch gingen ihnen im Jahr 2008 rund 853 Millionen Euro durch die Lappen. Weitere 472 Millionen wurden nicht abgerufen, weil die Menschen nicht den nötigen Mindesteigenbeitrag sparten und somit die Zulagen anteilig gekürzt wurden.
update: Wie kann der Finanzvertrieb da gegensteuern?
Erling: Man muss den Riester-Sparern klar machen, wie wichtig die Zulagen sind. Hierzu folgendes Beispiel: Ein Riester-Sparer mit zwei Kindern beantragt 35 Jahre lang keine Zulagen. Bei einer Wertentwicklung von jährlich fünf Prozent verschenkt er damit knapp 63.000 Euro. Das ist schon eine Menge Geld. Am besten sollte der Berater einmal im Jahr bei jedem Kunden nachprüfen, ob der Riester-Vertrag effizient genutzt wird.
update: Was konkret unternimmt der Außendienst von Union Investment in der Vertriebsunterstützung der Volks- und Raiffeisenbanken?
Erling: Als zentrales Instrument der Beratung stellen wir den Banken das Riester-Checkheft zur Verfügung. Dieses funktioniert wie das Bonusheft beim Zahnarzt. Damit wird der Kunde erinnert, einmal im Jahr mit seinem Berater über seinen Riester-Vertrag zu sprechen und nachzusehen, ob er Geld verschenkt. Daneben können die Banken unseren Datenbestand nach den Riester-Sparern selektieren, die keinen Zulagenantrag gestellt haben. Aber auch wir als Anbieter führen Maßnahmen durch. Alleine in diesem Jahr haben wir 270.000 Riester-Sparern einen Brief geschickt und sie auf den fehlenden Zulagenantrag oder einen zu geringen Eigenbeitrag hingewiesen.
update: Welche weiteren gesetzlichen Maßnahmen sind notwendig, damit künftig die Zulagen noch mehr beim Sparer ankommen?
Erling: Erste Schritte in die richtige Richtung wurden bereits eingeleitet. So müssen alle Riester-Sparer ab nächstem Jahr mindestens 60 Euro einzahlen, um keine Zulagen zu verschenken. Sollte es zu einer Zulagenkürzung gekommen sein, weil sich unwissentlich der Berechtigungsstatus des Sparers geändert hat, kann dieser Punkt nachträglich korrigiert werden. Trotzdem ist kein System perfekt. Man könnte die Riester-Rente optimieren, indem die Förderhöchstgrenzen an die Beitragsbemessungsgrenze gekoppelt werden. Dadurch würde die steuerliche Förderung dynamisiert. Gleichzeitig sollten die Zulagenzahlungen an die Inflation angepasst werden. Auch die Selbstständigen sollten riestern können.
update: Wie könnte die Einbeziehung von Selbstständigen aussehen?
Erling: Bislang können Selbstständige nur über die Rürup-Rente gefördert vorsorgen – mit all ihren Vor- und Nachteilen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum diese Berufsgruppe von der Riester-Rente ausgeschlossen wird und nicht wählen kann, mit welcher Form sie für ihr Alter spart. Dies sollte geändert werden.
update: Die Zulagenproblematik ist Bestandteil des Riester-Sparens auf der einen Seite. Auf der anderen Seite haben wir derzeit nur etwa 15 Millionen Riester-Sparer. Nach oben ist noch sehr viel Luft. Wie kann diese Zahl künftig deutlich gesteigert werden?
Erling: Die Zeiten des rasanten Wachstums wie 2005/2006 sind vorbei. Damals war die Riester-Rente relativ neu und die Nachfrage entsprechend groß. Mittlerweile haben rund 40 Prozent der Berechtigten einen Vertrag abgeschlossen. Entsprechend haben sich die Zuwachsraten normalisiert. Jetzt kommen pro Jahr über eine Million neuer Verträge hinzu. Jetzt gilt es, vor allem junge Leute von der Notwendigkeit einer privaten Zusatzvorsorge zu überzeugen.
update: Oder ist die private Altersvorsorge in Deutschland einfach nur zu kompliziert? Wie könnte Riester-Sparen vereinfacht werden?
Erling: Die Riester-Rente ist nicht kompliziert. Im Gegenteil, sie ist im Vergleich zu anderen staatlich geförderten Produkten relativ einfach. Allerdings – und das haben wir immer betont – ist sie kein Produkt, was man einmal abschließt und sich danach nicht mehr darum kümmern muss. Jeder Sparer sollte einmal im Jahr seinen Vertag überprüfen, damit er seinen staatlichen Zuschuss auch bekommt.
Das Gespräch führte Goran Culjak.
portfolio international update 29.11.2011/gcu





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