Vor welche Herausforderungen die Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 Finanzinstitutionen, Politiker und Unternehmen gestellt hat, ist viel diskutiert und teilweise bereits wissenschaftlich untersucht worden. Eine ganz andere Frage ist es, wie private Haushalte von der Krise betroffen waren und sind. Wie haben private Haushalte in Deutschland auf diesen Schock reagiert? Welche langfristigen Konsequenzen könnte dieser für deren Wohlstand haben? Mit diesen Fragen haben sich Tabea Bucher-Koenen und Michael Ziegelmeyer in einer wissenschaftlichen Untersuchung auseinandergesetzt, deren aktuelle Version sie unter dem Titel „Once burned, twice shy? Financial Literacy and Wealth Losses during the Financial Crisis” zur Diskussion stellen.
Eine ihrer zentralen Fragestellungen dreht sich darum, ob sich Haushalte mit höherem Finanzwissen eher vor den Effekten der Krise schützen konnten. Diese Frage sei nicht leicht zu beantworten, da Haushalte mit höherem Finanzwissen tendenziell eher in riskantere Anlageinstrumente, wie Aktien, investieren und daher eher von Vermögensverlusten durch die Krise betroffen waren. Insofern schien es den Wissenschaftlern besonders wichtig, zu untersuchen, wie Haushalte auf die Wertentwicklung ihrer Aktieninvestments reagiert und ob sie Verluste durch Verkäufe teilweise oder ganz realisiert haben. „Ein zentrales Ergebnis ist, dass nicht alle Individuen in gleichem Maße dazu neigen, sich aus den Anlagen zurückzuziehen, mit denen sie sich die Finger verbrannt haben“, heißt es in der Studie. Vielmehr würden Anleger mit geringerem Finanzwissen deutlich öfter auf diese Weise reagieren. Dieses Verhalten könnte nach Auffassung der zwei Forscher langfristig erhebliche Auswirkungen auf die Akkumulation und Verteilung der Vermögen der Haushalte haben, weil es zu einer Verfestigung und Ausweitung diesbezüglicher Ungleichheiten führen könnte.
Viele Haushalte haben keine Verluste erlitten
„Um solche Themen bearbeiten zu können, benötigt man hochwertige und aktuelle Daten. Deshalb pflegen wir bei uns im Hause zwei große Datensätze“, erläutert Tabea Bucher-Koenen. Sie ist Leiterin des Forschungsbereichs „Gesundheit und Leben“ des Münchener Zentrums für Ökonomie und Demographischen Wandel (MEA) am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Für ihre Untersuchungen über die Auswirkungen der Finanzkrise haben sie und ihr Kollege den sogenannten „Save“-Datensatz genutzt, der die Ergebnisse aus Umfragen enthält, die das MEA seit 2001 jährlich in einer repräsentativen Gruppe deutscher Haushalte durchführt. „Dabei befragen wir die Haushalte ausführlich zu allen relevanten finanziellen Themen, beispielsweise zur Altersvorsorge, zu Einkommensquellen, Sparentscheidungen, Sparmotiven, Risikopräferenzen und so weiter“, sagt Bucher-Koenen. In der im Frühjahr 2009 durchgeführten Umfrage sei dem Fragebogen ein Modul hinzugefügt worden, das Haushalte zu den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise befragte. Die Analysen basierten auf der Auswertung der Antworten von mehr als 2.000 Haushalten und sind repräsentativ für Haushalte in Deutschland. Dabei sei es ein Vorteil, dass es in Deutschland im Gegensatz zu den USA oder anderen Ländern 2007 keine Krise am Immobilienmarkt gegeben hat. „In Deutschland hat die Krise an den Finanzmärkten 2007 und 2008 nur einen Schock auf Haushalte ausgeübt, die an den Aktienmärkten engagiert waren“, begründet Bucher-Koenen. Aus diesem Grund hätten sie sich in ihren Untersuchungen ganz auf die Finanzportfolios der Haushalte beschränken können. Doch so schockierend, wie die allgemeine Stimmung im Jahr 2008 es hätte vermuten lassen, sind die unmittelbaren Folgen der Finanzkrise hierzulande nicht ausgefallen.
„Im Durchschnitt und kurzfristig betrachtet scheinen deutsche Haushalte durch die Finanzkrise keinen substanziellen Vermögensverlust erlitten zu haben“, fassen die beiden Wissenschaftler ihre Ergebnisse zusammen. Nur etwas mehr als 20 Prozent der Haushalte hätten angegeben, Vermögensverluste erlitten zu haben. Im Durchschnitt aller Haushalte sei dieser Verlust mit 2.560 Euro angegeben worden, was etwa 3,8 Prozent des Finanzvermögens entspricht. Die fast 500 Haushalte, die Verluste angegeben haben, haben durchschnittlich etwas über 13.000 Euro oder nahezu 20 Prozent ihres Finanzvermögens eingebüßt (siehe Grafik "Verteilung der Vermögensverluste"). Um die Zuverlässigkeit dieser Angaben besser einschätzen zu können, haben die Forscher diese Zahlen mit simulierten Verlusten verglichen, die sie auf Basis der Haushaltsvermögen Ende 2007 und der durchschnittlichen Renditen einzelner Anlageklassen im Jahr 2008 errechnet haben. Dabei habe sich gezeigt, dass die Selbstaussagen der Haushalte relativ nahe an den simulierten Werten liegen. Dies spreche dafür, dass die Haushalte insgesamt ein gutes Bild von den Effekten der Finanzkrise auf ihr Vermögen haben.
Ein wichtiger Aspekt der Untersuchungen von Bucher-Koenen und Ziegelmeyer ist die Frage, wie sich das Finanzwissen der Haushalte auf deren Verhalten und ihre Reaktionen auf die Krise ausgewirkt hat. Dies scheint grundsätzlich schwierig zu beurteilen, weil Individuen mit geringer finanzieller Bildung einerseits zwar eher Anlagefehler begehen sollten, auf der anderen Seite aber auch seltener in riskante Anlageklassen investieren. Die Analysen der Forscher zeigen, dass der zweite Effekt überwiegt: Individuen mit geringem Finanzwissen besitzen seltener Aktien und andere riskante Anlageklassen (siehe Grafik "Teilhabe an den Aktienmärkten"). Deswegen geben sie seltener einen Verlust infolge der Finanzkrise an als Personen mit besseren Kenntnissen finanzieller Zusammenhänge. Während 13,5 Prozent der Befragten mit geringeren Finanzkenntnissen durch die Krise Verluste erlitten, waren es unter den Haushalten mit höherem Finanzwissen immerhin 31,2 Prozent. Dieser Effekt ist auch zu beobachten, wenn man Faktoren wie den soziodemografischen Hintergrund, spezifische Risikopräferenzen und Hintergrundrisiken, wie Einkommensverluste infolge der Krise, berücksichtigt. Die wichtigste Erklärung hierfür besteht nach Ansicht der Forscher darin, dass Haushalte mit geringerem Finanzwissen den Finanzmärkten vielfach skeptisch gegenüberstehen und sich von riskanten Anlageklassen fernhalten, um Verluste zu vermeiden.
Geringes Finanzwissen fördert Aktienabstinenz
Die naheliegende Vermutung, dass ein besseres Finanzwissen das Ausmaß der während der Krise erlittenen Vermögensverluste reduzieren könnte, hat sich nicht bestätigt: Es hat sich vielmehr gezeigt, dass unter den Haushalten, die Verluste angegeben haben, diejenigen mit höherer finanzieller Bildung keinen geringeren Anteil ihres Vermögens verloren haben. Allerdings haben Haushalte mit geringer finanzieller Bildung ihre Verluste häufiger durch Verkäufe der riskanten Anlagen realisiert: Immerhin 36,7 Prozent dieser Haushalte haben ihre Aktienbestände ganz oder teilweise verkauft und damit Verluste realisiert. Unter den Haushalten mit höherem Finanzwissen lag der entsprechende Anteil nur bei 21 Prozent.
Obwohl die Effekte der Finanzkrise auf private Haushalte in Deutschland kurzfristig eher gering erscheinen, könnten sie substanzielle langfristige Konsequenzen für die Vermögensverteilung nach sich ziehen. In Deutschland sei das traditionell geringe Engagement privater Anleger in riskante Anlageklassen, wie Aktien, in den vergangenen Jahren tendenziell etwas gestiegen. Angesichts der Verluste, die Aktienanleger während der Finanzkrise 2008 erfahren haben, sei es möglich, dass sich dieser Trend verlangsame oder gar umkehre.
Sorgen bereiten den Wissenschaftlern vor allem die Reaktionen von Haushalten mit geringem Finanzwissen. Diese Personen partizipierten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an den Gewinnen aus der Erholung der Aktienmärkte 2009 und 2010. Sie müssten auch langfristig mit niedrigeren Renditen rechnen, da sie sich wahrscheinlich durch ihre negativen Erfahrungen von künftigen Investments in riskantere Anlageklassen, wie Aktien, abschrecken lassen. Da Haushalte mit höherem Finanzwissen hiervon weniger stark betroffen sind, könnte sich zwischen beiden Gruppen im Hinblick auf die Beteiligung an den Aktienmärkten eine zunehmende Kluft entwickeln. „Die unterschiedlichen Anlagestrategien von Investoren mit hohem und geringem Finanzwissen könnten zu erheblichen Konsequenzen in der Vermögensverteilung führen“, warnen die Wissenschaftler. Haushalte mit geringerer finanzieller Bildung könnten darunter leiden, dass sie die langfristig höheren Renditen an den Aktienmärkten nicht oder nicht in ausreichendem Maß wahrnehmen. Da diese Haushalte ihre verlustreichen Aktienbestände in der Krise zu einem großen Teil verkauft haben, würden sie auch nicht an den Erholungsprozessen teilhaben, die gewöhnlich direkt nach wirtschaftlichen Krisen einsetzen. Insgesamt könne es in Haushalten, die den Aktienmärkten den Rücken gekehrt haben, langfristig zu einem substanziellen Rückgang des Wohlstands kommen. „Das könnte die finanzielle Gesundheit der Haushalte insbesondere angesichts des demografischen Wandels und der rückläufigen Renten- und Pensionszahlungen beeinträchtigen“, vermuten Bucher-Koenen und Ziegelmeyer.
portfolio international 23.01.2012




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