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Vorsorge

10.02.2014

Das Schweigen der Berater I

In der Vorsorgeberatung gilt für die Sparphase in der Regel das Nettoprinzip: Was der Kunde zu zahlen in der Lage ist, entscheidet darüber, wie hoch seine Sparleistung ausfallen kann. Geht es hingegen um die Rentenphase, bekommen die Kunden von Beratern aber nur die Bruttoleistung genannt. Das führt zu falschen Annahmen bei Leistungen und Produkten. Teil I

Auch Rentner zahlen Steuern, und zwar immer mehr. Wer in diesem Jahr in Rente gegangen ist, musste nur 66 Prozent seiner gesetzlichen Rente versteuern. In Schritten von zwei Prozentpunkten steigt der Steueranteil der gesetzlichen Renten mit jedem Jahr bis 2020 auf 80 Prozent und danach jährlich in Einprozentpunkt-Schritten. Vom Renteneintrittsjahr 2040 an werden die gesetzlichen Renten zu 100 Prozent besteuert. Das ist zwar noch eine Weile hin, betrifft aber schon alle, die heute 40 Jahre und jünger sind.

„Steuern und Sozialabgaben auf Renten werden vom Vertrieb gern verschwiegen“, so Professor Heinrich Bockholt vom Koblenzer Institut für Finanzwirtschaft, der im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) die Auswirkungen von Steuern und Sozialabgaben auf die Renten untersucht hat. Wer heute einem Kunden eine Riester-Rente, eine betriebliche Altersvorsorge oder eine private Rentenversicherung verkauft, sei gut beraten, auf die steuerliche Behandlung der Alterseinkünfte hinzuweisen.

Denn die Besteuerung der gesetzlichen Rente ist nicht die einzige Belastung, die die Alterseinkünfte mindert. Sowohl die Riester-Rente als auch die Betriebsrenten werden mit dem persönlichen Einkommensteuersatz voll nachgelagert besteuert. Hinzu kommen Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung, die in voller Höhe auch auf Betriebsrenten zu zahlen sind. Im Ergebnis ist die Summe, die Rentner für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung haben, erheblich kleiner als gedacht. Je nach Höhe der Bruttorenteneinkünfte­ und Familienstand können Belastungen zwischen gut zehn und fast 30 Prozent auftreten (siehe Tabelle). Die Nettobetrachtung ist folglich ein Blick in die Rentenlücke des Kunden.

Überall Rentenlücken
Bei der Rentenlücke handelt es sich um eine zentrale Kategorie der Vorsorgeberatung. Das Problem hat gleich mehrere Dimensionen, und nicht immer wird klar, wer was damit meint. Da ist erstens die Rentenlücke als Differenz zwischen dem letzten Nettoeinkommen und den Alterseinkünften. Bis zum Jahr 2002, dem Zeitpunkt des Inkrafttretens des Alterseinkünftegesetzes, ging es in der Beratung hauptsächlich darum, mit zusätzlicher privater Vorsorge möglichst in die Nähe des Netto­erwerbseinkommens zu gelangen, damit der Lebensstandard auch im Ruhestand nicht allzu sehr geschmälert werden muss.

Davon redet heute kaum ein Berater mehr. Seit der Rentenreform im Jahr 2001 ist eine neue Auffassung von der Renten­lücke verbreitet. Sie entsteht durch die vom Gesetzgeber verfügte Absenkung des Rentenniveaus. Schließen soll sie die Riester-Rente. Gesetzliche Rente und Riester-Rente zusammen sollen bewirken, dass die Rentner die Absenkung des Rentenniveaus ausgleichen und ein Sicherungsniveau von ungefähr 50 bis 51 Prozent erreichen können.

Die Rentenlücke zwischen letztem Nettoeinkommen und den Altersbezügen ist dagegen fast völlig aus dem Blickwinkel geraten. Das ist gleich aus drei Gründen fatal. Erstens wird den Sparern vorgegaukelt, die Riester-Rente sei eine zusätzliche Altersvorsorge­. Zweitens wird den Sparern meist verschwiegen, dass auf die Rente Steuern zu zahlen sind und die Rentenlücke damit größer ausfällt als erwartet. Und drittens gelten die Rechnungen zum Sicherungsniveau für den statistischen Durchschnittsrentner. Die tatsächliche Rentenlücke muss individuell und vor allem nach Steuern und Abgaben bestimmt werden.

Berater unterlassen die Berechnung der Nettorente gern mit dem Hinweis, man könne heute noch nicht die Steuerbelastung oder den Sozialversicherungsbeitrag in 30 oder 35 Jahren kennen. „Dieser Einwand ist dennoch kein Grund, den Ausweis der Nettorente zu unterlassen. Zumindest kann auf der Grundlage der heutigen Gesetzgebung gerechnet werden“, wendet Klaus Morgenstern vom DIA ein, das die Studie über die Nettorenten hat erstellen lassen. Das leuchtet ein, denn die heute geltenden Werte für Steuern, Sozialabgaben und Freibeträge können gut und gerne als untere Benchmark gelten.

portfolio international 10.02.2014

Hans Pfeifer
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